Trau keinem über Dreissig… #2

(Kirmes)

Das mit dem Sinnieren über Energiequellen hat (noch) nicht wirklich viel gebracht. Da dann schon eher die nicht immer dem ersten Anschein nach wohlwollenden Händen meiner Physiotherapeutin. Mich krümmend und windend unter gezielten Reaktivierungsmaßnahmen und gutgemeinten Presspunkten, mutig auszuharren versuche. Zugegeben, diese Piesackerei dann doch von einer markanten Besserung begleitet wird. Zumindest punkto Müdigkeit. Die Nackenbeschwerden nehmen da schon eine beharrlichere Stellung ein. Werden auch nicht weniger zimperlich, mit zum Teil unter Anwendung von nahrhaften Akupunkturnadeln, bekämpft.

Vielleicht sollte ich von vorne beginnen. Es genügte also nicht, dass ich mich im Moment in einer eher energieschwachen Phase befand. Nein, meine Sinnesorgane, deren Aufgabe dem Gleichgewicht zugeschrieben werden, darüber empfunden haben, soeben mal eine Sause auf der Kirmes abzuhalten. Die Folge. Ein räumliches Wahrnehmungsvermögen wie in einer Zentrifuge (Prinzip, die einer Salatschleuder). Gefolgt von kaltem Schweißausbruch und Übelkeit. Ich gleichzeitig auch noch das Glück hatte, eine Dauerkarte gewonnen zu haben, für eine Reise auf einem Hochseedampfer. Es ist selbsterklärend und total überflüssig hier anzufügen, dass die Reise nicht bei gutem Wetter stattfindet. Ein Vergnügen sondergleichen. Übrigens. Der allgemein gut gemeinte Tipp (begleitet von sarkastisch anmutendem Unterton), bei der nächsten Drehschwindelattacke im Bett, sich einfach eines Beins als Bremshilfe zu bedienen, ist hier definitiv in der falschen Kategorie Schwindel & Übelkeit angegliedert. Aber Danke.
Nach darauf erfolgten Abklärungen beim Spezialisten offenbarte sich die Option der  Dauereinnahme von Pillen (Antivertigomedikamente). Gepaart mit Nackenentspannungen und Reduktion von vermeintlichem Dauerstress. Da haben wir es. Gehe zurück auf Feld Eins. Die bekannte physische Energiefrage drängt sich wieder in den Vordergrund.

Um weitere Ursachen ausschliessen zu können, stand mir zudem der Besuch in einer modernen Radiologieabteilung bevor. In den handelsüblichen Kreisspitälern (sowieso und logischerweise) befindet sich diese im anmutig einladenden Kellergeschoss. Nicht selten befindet sich die psychische Verfassung mitunter auch ansatzweise im Kellergeschoss. Wie passend. Ebenso harmonisch präsentierte sich der Warteraum, nachdem zahlreiche Korridore, Windungen und Gänge heilvoll überstanden (dazu später noch mehr). Grauer Linoleumfussboden, umzäunt von strukturlosen weissen Wänden,  breitete sich in voller Pracht vor mir aus. Dazu passende Sitzgelegenheiten, in Grau. Der Lichtblick dieser räumlichen Innengestaltung war ein überdimensionierter digitaler Foto-Wechselrahmen. Dieser Flimmerkasten zeigte abwechselnd irgendwelche Fotoaufnahmen mit animierten Bildeigenschaften. Die da waren. Ein Steinbrunnen mit einem vorsichhin- plätschernden Wasserstrahl. Ein Kloster (aus meiner Ortschaft!) mit vom Winde verwehte Blumen im Vordergrund. Die weitere Bildfolge hab ich mit Verlaub ignoriert.  Der farbliche Kontrast zu der bisherigen Raumgestaltung eine einzig rosafarben blühende Orchidee, einsam in einer Ecke stehend, bildete. Ich mag Orchideen nicht sonderlich.

Durch die Im Raum kunstvoll angeordneten Sitzmöglichkeiten, werde ich direkt mit den durchnummerierten Umkleidekabinen (grosse blass-blaue arabische Zahlen) konfrontiert. Um das Ganz noch ein wenig aufzupeppen, wurde über jeder Kabinentüre eine Leuchtkettendiode in (ratet mal), dunkelblauem Licht angebracht. Da wir uns, wie gesagt, im Untergeschoss befinden, die restlich benötigte Innenbeleuchtung von an der Decke angebrachten Neonröhren stammt. Was soll ich sagen. Ich hätte mir meinem Gemütszustand entsprechend mehr Einfluss von warmen Farben gewünscht. Aber zum Glück sind die Geschmäcker verschieden. Ich verweile also in meinem andächtigen 30-minütigen Zeitfenster (vielleicht waren es auch bloss 20 Minuten). Verharre und warte darauf, aufgerufen zu werden. Zwischenzeitlich eine offensichtlich erfahrene Mitarbeiterin einen einzuarbeitenden Assistenten mit großer Überzeugung und gewisser Überlegenheit durch die Radiologieabteilung führt. Ironischerweise preist sie voller Stolz die soeben neu gestalteten Räumlichkeiten an.
Kein Vergleich zu Früher. Ein höchst bemerkenswerter Warteraum (?!). Ja, das originelle Wechselbild bitte nicht zu übersehen sei. Die Schöpfung eines leitenden Arztes, wohl bemerkt.
Das kurze Intermezzo hat sein Ende gefunden. Ich bin mit dem unglaublich inspirativen Wandschmuck und der Orchidee wieder auf mich selbst gestellt. Um die Wartezeit etwas angenehmer zu gestalten, die seichten Summ, Ratter-und Klopfgeräusche, der im Hintergrund befindlichen MRI Geräten, mir zu Ohren getragen werden. Was soll ich sagen. Habe schon entspanntere Minuten erlebt. Aber. Ein negativer Befund machte das Ganze mehr als Wett.

Wer die Comicgeschichte ‚Asterix erobert Rom’ kennt, versteht was ich meine, wenn ich hier noch Folgendes anfüge. Der ‚Passierschein A38’ ist keine wahnwitzige Erfindung eines Komikers. Eine Formalität verwaltungstechnischer Art, beflügeln unsere Krankenhäuser. Ich könnte eine weitere Seite füllen. Über die Zuständigkeit und Verantwortung einzelner Abteilungen innerhalb eines Krankenhauses. Die sich zur Aufgabe gemacht haben, den Kunden mindestens 3 verschiedene Formulare ausfüllen zu lassen. Unter Anleitung eines A4 beschriebenen Merkblatts, das Labyrinth aller Ankunftsschalter und den damit verbunden bemächtigten Spitaleintritt erfolgreich zu bewältigen. Selbstredend ein ‚Nummer-Ziehen’, wie heute auf Ämtern und großen Verkaufsladentheken üblich, beim Hauptempfang eingefordert wurde. Ich als einzig dort anwesende Person (nebst den 4 Besetzungen an den geöffneten Schaltern) gebeten wurde, eine Nummer zu ziehen. Ich hatte zu warten, bis ich zitiert wurde, um das vorgängige bereits vollumfänglich ausgefüllte Eintrittsformular abgeben zu können.

Ironischerweise habe ich aber beim Eintritt diese Hürde sportlich übersprungen. Ich bin ohne offizielle Antrittsverlesung direkt in die Radiologieabteilung vorgestossen. Quasi die Bastille im Sturm erobert! Naiv der Beschilderung gefolgt. Mich dem Prozess getreu, im Erdgeschoss in der Radiologie angemeldet. Eine Wegbeschreibung und ein Irrgang später, ich mich im besagten Kellerabteil vorfand. Das Ziel erreicht. Siegesbewusst habe ich meine zweite Anwesenheitsmeldung abgegeben. Gleichzeitig fälschlicherweise auch noch das ominöse Eintrittsformular überreichen wollte. Sie wissen aber schon, dass das Formular am Hauptempfang beim Haupteingang zu erfolgen hat? Gnädigerweise, damit ich nicht nochmals die Odyssee auf mich nehmen musste, ich das auf meinem Rückweg in Angriff nehmen darf. Nun denn. Die Geschichte bis zu meiner Entlassung kennt ihr mittlerweile. Ich nähere mich also dem Ausgang/Haupteingang. Die von mir irrtümlich angenommene Empfangstheke entpuppt sich jedoch als die Auskunft. Das Formular wird zurückgewiesen. Eine 160° Drehung über meine rechte Schulter hinweg eröffnete mir die Erkenntnis, dass die Annahmestelle für das besagte Formular sich genau auf der Korridor gegenüberliegenden Seite befindet. Bald geschafft! Da nun einfach einen Zettel abgeben zu wollen, zeugt wiederum von gewisser Naivität. Die besagte Aufforderung zur Entnahme eines Nummernzettels und die künstliche Wartezeit von ca 20 Sekunden waren die Folge. Ein kurzer flüchtiger Moment, der nur entsteht wenn ein Papier von einer Person zur anderen Person gereicht wird, beflügelte den Raum. Ein kurzes ‚Auf Wiedersehen’, das ich an dieser Stelle tunlichst vermied zu hinterfragen, bestätigte meinen erfolgreichen Eintritt beim Austritt!

Meine Pillen bin ich zwischenzeitlich wieder los geworden. Scheint, dass ich das mit der Entspannung hingekriegt habe!

photo by Matthiew Wiebe

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7 Gedanken zu “Trau keinem über Dreissig… #2

  1. Dank nicht mir, dank Deinem Scheibstil, den ich – abgesehen von den eigentlichen Inhalten – mag.

    Manches muß ich zweimal lesen, aber dann hat es in meinem Kopf gefunkt. 8-D

    Zudem schreibst Du sehr Bildhaft, ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie Du da gesessen hattest, und Deine Umwelt registriert hast… 😉

    Lg
    Peter

    Gefällt 1 Person

  2. Ich muss (!) mich meinem Vorkommentator anschließen…toller Schreibstil, interessante Themen, wunderschöne Aufmachung…..ich werde alle Beiträge lesen und mich auf die nächsten freuen !!!

    Gefällt 2 Personen

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