Der letzte Bierstopp vor England

Fanø, Dänemark. Die Insel befindet sich ungefähr 50Kilometer nördlich von Sylt und ist von den dänischen Wattenmeerinseln die nördlichst gelegene. Die nächst grössere Stadt ist die zu Jütland gehörende Industrie- und Hafenstadt Esbjerg. Eine Fähre verbindet Fanø mit Esbjerg. Hier verbringen wir 2 Wochen in völliger Inselidylle Dänemarks und lassen uns von typischem Fanniker-Wetter verzaubern und umhüllen. Die Windböen, die gelegentlich um die Dünen und über die Insel fegen, ermutigen einem bei genauerem Zuhören fast anzunehmen, dass eben diese Böen spannende Geschichten über die Insel und deren Bewohner mit sich tragen. Und wenn man von natur aus neugierig und  bereit ist, sich auf solch mystische Momente einzulassen, dann erzählen die Winde, wenn man Glück hat, einem die eine oder andere Geschichte.

..‹Es war im Jahre 1741. Die Anwohner der Insel kauften sich mit List auf einer Auktion in Ribe von der dänischen Krone frei. Die Fanniker waren sich im Vorfeld der finanziellen Benachteiligung, gemessen an den wohlhabend teilnehmenden Gutsherren, sehr wohl bewusst. Sie waren jedoch mit der Gewohnheit des Auktionators vertraut. Dieser pflegte vor seinen Auktionen jeweils noch eine Ruhepause zu gönnen. Damit dieser nicht zu spät zur Auktion komme, beauftragte der Auktionator auch dieses Mal seinen Kammerdiener, dass er ihn in jedem Fall rechtzeitig wecken würde. Die Fanniker schmierten eben diesen Diener.  Mit dem Auftrag, die Ratshausuhr um eine Stunde vorzustellen.So wurde der Auktionator zwar rechtzeitig, jedoch in Wahrheit um eine Stunde früher, geweckt. So geschah es auch. Nur die Fanniker wussten, um die ungewollte Zeitumstellung und die damit verbundene eine Stunde früher startende Auktion. Sie gewannen die Auktion für sich und die Insel ging inklusive Jagd- und Strandrecht für 6000 Reichstalern in das endgültige Eigentum der Fanniker Bevölkerung über. Die interessierten Gutsherren trafen folglich zu spät ein. Die Auktion war indes rechtskräftig.‹..

Der glorreiche Aufstieg als Seefahrerinsel konnte mit dem so erworbenen Handels und Seefahrerrecht beginnen. Konsequent baute man nun in Fanø die Seefahrerschaft aus. Eine Seemannsschule wurde gegründet, ein eigenes Segelschulschiff unterhalten (die Fortuna) und einige Werften bauten die eigene Flotte direkt vor Ort zusammen.

Im Jahre 1870 besaß die Insel die zweitgrößte Handelsflotte Dänemarks; nur die Flotte von Kopenhagen war bedeutender. Aus dieser Zeit findet man bis heute in Nordby und Sønderho zahlreiche gepflegte Fischerhäuser und Kapitänsvillen. Mit der zunehmenden Versandung des Hafens von Sønderho und dem Bau des Dampfschiffhafens in Esbjerg endete diese Epoche. Mit dem Stillstand der Entwicklung Sønderhos um 1850, wuchs die Bevölkerung in Nordby, was eine enorme Bauaktivität mit sich führte. 1868 wurde auf dem Festland Esbjerg ein Dampfschiffhafen angelegt, der im Laufe kurzer Zeit die gesamte Schiffahrt und den Umsatz der Stadt übernahm. Durch die Fährverbindung nach Esbjerg ist Nordby jedoch weiterhin ein interessanter Ort für die Bewohner wie auch für die Besucher geblieben.

Wenn man sich nun noch ganz fest bemüht, lassen sich unter den verschiedenen Windböen Unterschiede erkennen. Während die eine von eher zaghaft gleichmässiger, trotz allem aber kraftvoller Natur zeugt, ist meistens die darauf folgende die stürmisch schwerfällig grollende. Und eben genau diese Windböe ist versucht, wenn wir es denn so wollen, uns gespenstige und zuweilen gruselige Seefahrergeschichten längst vergangener Tage in Erinnerung zu rufen.

.. ‚Eines nachts kehrte die Brigg ›Claus‹ unbemerkt von ihrer Seefahrt von Norwegen zurück und lief direkt vor Fanø auf Grund. Seltsamerweise befand sich zu diesem Zeitpunkt niemand am Strand. Erst am nächsten Morgen wurde das gestrandete Schiff entdeckt. Im Ofen brannte noch ein Feuer. Die Kaffeetassen standen auf dem Tisch und die Schiffskatze streifte umher. Die Besatzung jedoch, war bis auf den letzten Mann mausetot! Einzig eine Puppe befand sich inmitten der toten Seefahrer. Sie hockte da und ihr glasiger Blick lies jeden, der sie betrachtete, nicht wieder los. Der stumme Augenzeuge war ein Glücksbringer, das sogenannte „Fanø- Mädchen“. Den Bergungsleuten lief bei diesem Anblick der eiskalte Schauer über den Rücken. Das Unglück blieb bis heute ein Rätsel. Noch heute zieht genau diese Puppe die Leute in ihren Bann. Fesselt mit ihrem Blick, geduldig hinter einer Glasvitrine sitzend im Seefahrtsmuseum in Fanø.‘.. 

Wie gesagt, es gäbe noch weitere zahlreiche Geschichten. Und eine dieser Geschichten führte mich auf diese Insel. Amor entsandte einst den richtigen Pfeil zu meinem Herzen. Ich durfte die nette und vielversprechende Bekanntschaft eines gutaussehenden Mannes machen, dessen Ursprung mitunter auf dieser Insel zu suchen ist. So kam es nun, dass es mich ab und an mit meiner Familie auf diese schöne Insel verschlägt. Dieses Mal verbrachten wir dort zusammen mit meinem Vater den Urlaub. Und wie es der Zufall wollte, erhielt ich eine kleine Auszeit. Mein Mann ging mit unserem Kleinen an den Strand und mein Vater, Morfar, sattelte das Fahrrad. Ich genoss in vollen Zügen die Ruhe und begann mit mir selbst und der Umwelt in Einklang zu kommen. Entspannt einen Kaffee zubereitet, die Sonnenliege mit Kissen und Wolldecken ausstaffiert, das Buch in Griffnähe als plötzlich mein Handy klingelte. Mein Vater! ‚Hallo mein Liebes! Was würdest du zu einem ‚Vestkyst’ sagen?!‘ (Es gibt auf der Insel eine Bierbrauerei. Die letzte vor Englands Küste! Man erhält da eine tolle Auswahl an selbstgebrautem Bier. Unter anderem eben dieses ‚Vestkyst’. Das hiess nun dann wohl, dass zufällig diese Brauerei auf meines Vaters Rückfahrt von seiner täglichen Fahrradtour lag und er nun befunden hatte, dass es noch ganz gemütlich wäre, mich an seiner Seite zu haben.) ‚Weißt du meine Liebe, so kämst auch du noch in Bewegung, was uns ja allen gut tut! ‚

Lieber Papa. Das allerwenigste, was sich eine Mutter von kleinen Kindern wünscht ist, in ihrer rar gesäten Freizeit in Bewegung zu kommen. Ich zumindest nicht! Aber na gut. Für was hatte ich schliesslich meine Joggingschuhe dabei. Ein kleiner Sprint in die nächste Bierbrauerei ist ja schlussendlich auch nicht gänzlich zu verschmähen! Skål!

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5 Gedanken zu “Der letzte Bierstopp vor England

  1. Hi Nora,

    genieße so oft Du kannst jede Gelegenheit die schönen Seiten des Lebens mit Deinem Vater zu verbringen (und natürlich mit Familie). Es kann schneller vorbei sein, als es sich vorstellen lässt…

    HG
    Peter

    Gefällt 1 Person

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