Bildungsreform

Was zum Teufel bedeutet Dr. phil. I ?! Na gut, ich als bekennender Deserteur der hochschulischen und akademischen Laufbahnen, darf hier wohl auch keine Erleuchtung erwarten. Ich habe mich in den 90ern entgegen all den gut gemeinten Ratschlägen für eine Berufslehre entschieden. Es erschien mir damals nicht wichtig, später mit einem Maturitätsabschluss (Abitur) gesegnet zu sein, ohne gleichzeitig ernsthafte Absichten zu hegen, eine Studentenlaufbahn einzuschlagen. Ich war davon überzeugt, dass man Intelligenz auch ohne dazugehöriges Papier unter Beweis stellen könnte (ich Narr!). Ich begann meine Berufskarriere noch zu einer Zeit, als die Fachhochschulen und Studiengänge für Alles, Jedes & Jeden noch nicht existierten. Was ich damit meine? Früher konnte man einen Beruf erlernen. Heutzutage studiert man diesen. Wenn ich die heutige Stellenausschreibung meiner aktuellen Erwerbstätigkeit lese, dann bin ich zwischenzeitlich mehrfach promovierter Hochschulabgänger mit Auszeichnung. (Verstehe aber gleichzeitig nur die Hälfte von dem Anforderungsprofil!) Heute würde ich vorgängig das Aviatikstudium absolvieren und bewürbe mich (und nicht als Einzige!) mit grosser Erwartungshaltung bei den marktüblichen Arbeitgebern. Mit der Hoffnung auf eine viel versprechende Anstellung, meiner Qualifikationen selbstverständlich gewürdigt. (Aviatikstudium!?Da lachen ja die Hühner. Zumindest noch in den 90ern. Heute ist das natürlich was anderes. Ohne Sarkasmus.) Zudem. Die Ausbildung beinhaltete alle Aspekte, die das berufliche Umfeld ausmachten. Ebenso die Leute kennen zu lernen, die dahinter steckten. Alles, was den Beruf einmal erlebenswert machte, wird heute jedoch effizient gestaltet, sprich automatisiert. Oder aber die heutige Auffassung von Effizienz, ummantelt von paradoxen Prozesslandschaften, uns monoton durch unsere Arbeitswelt diktiert. Von Effizienz jedoch schon lange nicht mehr die Rede sein kann, geschweige kundenorientiert. Und wer geht heute noch mit einem befriedigenden Gefühl nach Hause? Dafür erleben wir eine Hochkonjunktur der Qualitätsstandards. Diese soll uns als Kunden nur das beste Endprodukt zusichern. Wenn es denn das wäre, was wir uns als Kunden auch wünschten! Aber ich schweife ab.

Also. Ich habe mich frühzeitig von der öffentlichen Bildungslandschaft verabschiedet. Das heisst, ich bekenne mich als völligen Laien in diesem Gebiet. Dennoch möchte ich kurz auf einen Artikel von dem eingangs erwähnten (zumindest angedeuteten) Pädagogen und Bildungspolitiker H. Z., Dr. phil. I, eingehen. Es geht um Bildungsreformen. Deren Ursprung und die andauernde Reformwelle wird darin hinterfragt. Und die Antwort dieses sich ständig beschleunigenden Wandels im Schulwesen, liesse sich vornehmlich von der kaum mehr hinterfragten Ökonomisierungen und Technisierungen sämtlicher Bereiche unserer kulturellen und gesellschaftlichen Lebens ableiten. Was soll ich sagen, da hat er wohl recht. Gepaart mit folgender Aussage, dass die ursprüngliche universelle Bildung, schleichend auf eine beschäftigungs-und marktrelevante Ausbildung reduziert würde. Worte, die die Fakten auf den Tisch knallen und uns vielleicht so gar nie ins Bewusstsein getreten sind. Ich nun aber die Antwort auf mein Frage erhalten habe. Was um Himmels willen ist mit unserer Gesellschaft passiert, damit es notwendig wurde, 4-6 jährigen Kindergartenkinder Richtziele aufzuerlegen?!

Mein erstes Kindergartendossier unseres Sohnes in den Händen haltend, rang ich mit leichter Verwirrtheit und Erstaunen über das darin Gelesene. Da lagen 13 Richtziele, verankert im Lehrplan, vor mir. Der Entwicklungsstand des Kindes wird anhand von diesen Richtzielen in einem Einschätzungsbogen festgehalten. Na gut. Vielleicht gab es das früher schon. Einfach einfacher.

Da wäre die Selbstkompetenz (die Fähigkeit für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln), die Sozialkompetenz (die Fähigkeit in der Gemeinschaft Verantwortung wahrzunehmen und angemessen zu handeln) und dann noch die Sachkompetenz (die Fähigkeit sachbezogen zu urteilen und entsprechend zu handeln).

Da müssen wir uns aber rann halten!  Mein lieber Schwan. Viel verlangt von Kindern, die sich unlängst von den Windeln befreit haben. So erschien es mir zumindest. Der ganze Aufbau und die Qualitätsprozesse, die dahinter stecken. Die Zeit, die in die vermeintliche Qualitätssteigerung zum Wohle des Kindes investiert wird (wir sprechen hier von der damit verbundenen Administration), sähe ich als Eltern lieber in mein Kind direkt investiert. Zeit, die die Lehrpersonen den Kindern schenken könnten. Also mal ehrlich, was hier so wohlwollend und vernünftig klingt, erscheint für mich beängstigend, kontrolliert und uniformiert.

Auf jeden Fall, nach diesem gelesenen Gastkommentar war ich endlich in der Lage, den Ursprung meiner Irritation auszumachen und war fähig, diese zuzuordnen. Denn manchmal  sieht man den Wald vor lauter Bäume nicht.  All die vertrauten Worte über Kompetenzen, Förderung, Standortbestimmung…

Das alljährliche Mitarbeitergespräch steht wieder an.  Hoffentlich gibt es eine Gehaltserhöhung!

photo by Nora Dora

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9 Gedanken zu “Bildungsreform

  1. Kinder früh zu kleinen Erwachsenen zu machen, gab es schon.
    Ist nicht wirklich neu, nur ne Variante, eine schlimme, wie ich finde.

    Kinderseelen brauchen wie ein Baum Luft zum Atmen, und Wurzeln, um zu wachsen.
    Ob das mit Wortspielereien zu erreichen ist?
    Bestimmt eher, wenn die kleinen Racker sich im Matsch schmutzig machen dürfen, oder Mama das aufgeschlagene Knie betröstet, welches beim Toben verletzt wurde…

    Kommen als nächstes vielleicht bedruckte Windeln, damit die kleine Schieter so früh als bald lesen lernen?

    Drücke meine Daumen für mehr Kies! 😉

    HG
    Peter

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  2. Das ist nicht mehr als eine Rechtfertigung für Die Lehrenden…es sagt wissenschaftlich, die kids sollen gemeinsam spielen können, Entscheidungen treffen, Situationen einschätzen…..das, was jedes Kind eh macht 😉

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