Teilzeit Emanzipation

Gastbeitrag von LEA LOU

Sie hört ihm gar nicht zu, denke ich, als ich das Paar, Mitte fünfzig, am Nachbartisch beobachte. Es war ein herrlich sommerlicher Abend und wir freuten uns auf eine Erfrischung unter den Kastanien, in einem herzigen kleinen Restaurant an der Aare.

Er spricht weiter, erzählt über schöne Dinge in seinem Leben. Ja, er ist ein positiver Mensch. Sie hat den Kopf zur Seite gewandt und nestelt gedankenverloren an ihrem Armkettchen herum – sie hört ihm einfach nicht zu. Ich lausche weiter und frage mich, wie lange sich die Zwei wohl schon kennen. Er erzählt und erzählt und fragt sie irgendwann, nach ihrer letzten Beziehung. Aha! Ein Date! Sie gibt kurz und knapp eine Antwort, wieder ohne ihn anzusehen, und ich beginne mich zu fragen, weshalb die Beiden diese ganze Kennenlernaktion nicht einfach abbrechen. Anscheinend hat sie überhaupt kein Interesse an ihm. Vielleicht ist es einfach die Hitze, die ihr auf’s Gemüt schlägt.

Und plötzlich wird sie gesprächig – und wie – mit einer Negativität und Lautstärke, die kaum zu überbieten ist und zu einem Thema, das irgendwie auch nicht zum Rest passt: „…und die heutigen faulen Weiber… Es arbeitet ja keine mehr zu 100%.“ Ein paar Leute drehen verwundert den Blick in die Richtung, aus der die negative Energie kam.

Der Mann versucht die Aussage ins Positive zu wenden: „…früher haben sie gar nicht gearbeitet…“

Somit war das Gespräch wieder zu Ende und sie wühlt in ihrer Handtasche rum und macht sich dann auf zur Toilette. Als sie zurück kommt, meint sie trocken, dass man jetzt ja gehen könne.

Er: „Bezahlen müssen wir noch.“

Sie: „Aha!?!“ Wahrscheinlich hatte sie gehofft, dass er unterdessen die ganze Rechnung beglichen hat. Hat er aber nicht, denn sie will ja nicht zu den heutigen Frauen gehören, die nicht voll arbeiten und nicht zu sich selbst schauen können.

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10 Gedanken zu “Teilzeit Emanzipation

  1. Das bringt mich zu einem Thema, das mir schon lange in Kopf und Herz rumschwirrt – ich gehöre zu einer Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Generation. Zum Glück nicht in der Schublade dieser Frau.
    Aber, um meine vor einigen Jahren ernüchternden Date-Erfahrungen in’s Spiel zu bringen: vielleicht fand sie ihn so schrecklich und er sie so toll, dass sie ihn irgendwie vergraulen musste??? 😉

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  2. Ich verstehe nicht, dass man solche Entscheidungen allen Frauen nicht einfach selbst überlässt und sie hinnimmt. Jeder Mensch soll sein Leben so leben dürfen und können, wie er es möchte. Das wäre gerecht, emanzipiert… und vermutlich recht utopisch.

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    1. Genau. Es braucht wahrscheinlich einfach auch innere Stärke, Selbstvertrauen und Zufriedenheit, um dies vorleben zu können. Und das scheint offensichtlich Mangelware zu sein… . Würde ja auch bedingen, dass man mit sich selbst auseinander zu setzen hat. Und das will ja niemand so richtig. Könnte ja anstrengend sein und noch die Erkenntnis aufkommen, dass nicht immer nur die Anderen die Schuld tragen, sondern man hauptsächlich das Seinige dazu beiträgt.

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