Die perfekte Mutter

Aus dem Tagebuch einer Erstlingsmutter:

Midlife-Crisis

Schlagzeile eines deutschen Wirtschaftblattes: Die Generation der Dreissig Jährigen zelebriert die Midlife-Crisis!

Wobei der Artikel sich an beruflich-wirtschaftlichen Fakten orientiert, gepaart von  familiären Misserfolgen (Scheidungen). Glück gehabt, das kann mich dann wohl (noch) nicht betreffen. Bin beruflich angekommen.  Habe den Mann für’s Leben gefunden und eine Familie gegründet (Haus, Kind & Hund). Ich bin 35 Jahre alt, habe keine nennenswerte existentiellen Nöte und eine Familie in der ich mich geborgen fühle. Na ja, wenn ich ehrlich bin zähle ich 36 3/4Jahre.  Wer will das schon so genau wissen.  Aber Midlife-Crisis, also ehrlich, weit davon entfernt.

Ok, vielleicht eine winzig kleine in Form von: meine Körperbehaarung erlebt vor jeder Rezession noch einen kurzfristigen Aufschwung. Die Zeiten einer permanent babyzarter Haut ohne Irritationen scheinen verschwunden zu sein. Oder sagen wir einfach, die Prioritäten haben sich verschoben mangels genügender Energievorräte. Macht aber im Grunde  auch gar nichts aus, da im Winter sowieso Jeanshosen und Langarmshirts ihre kosmetische Wirkung entfalten. Falls aber ein stoppelfreies Gefühlserlebnis in absehbarer Zeit doch noch an Wichtigkeit zunehmen sollte (absehbar da die Kraft für übermässige Spontanität schlichtweg Mangelware ist), widerfährt  meiner Haut, in erstaunlich schnell gefundenem Elan, ihre alt gewonnene Aufmerksamkeit. Somit Problem auf den Sommer verschoben. Also von wegen Midlife-Crisis!

Wobei, vielleicht die eine oder andere ‚Crisis’ sich so langsam bemerkbar macht. Wenn wir mal ehrlich sind. Zum Beispiel, was tun gegen depressive Stimmungslage am morgen, brummenden Schädel (nicht etwa aufgrund irgendwelchen übermässige Genussrituale) und Verspannungen im Nackenbereich? Man sollte doch annehmen können, dass nach einer relativ ruhiger Nacht, der Körper entspannt, frisch getankt mit neuem Elan, in den nächsten Tag starten könnte. Aber bei mir fühlt sich das ganze an, als ob ich einen Marathon hinter mich gebracht hätte und sich der Nebel in meinem Kopf erst so nach ca 2 Tassen guten (wirklich guten und schwarzen) Kaffees lichtet. Das war aber eben nur die erste Wolkenschicht, die sich aufgelöst hat. Die obere Wolkendecke jedoch bleibt beharrlich bestehen. Während des ganzen Tages. Gott, was würde ich geben für die Tage, die mich nicht mehr mit dieser hartnäckigen Müdigkeit und Mattigkeit begleiten würden.  Dazu kommt der unwillkürliche Kontakt mit den stets gut gelaunten Müttern. Frisch und voller Elan, umgeben von mindestens 2 Kleinkindern (ich hab ein Kleinkind!), tragen die nicht gerade für mein allgemeines Wohlbefinden bei. Vielleicht bin ich einfach anders und körperlich angeschlagen (wie sonst wohl niemand anderes). Aber ich weiss einfach nicht, wie man Kraft tanken kann aus Gesprächen wie, wie zaubere ich die besten Muffins aus dem Ofen, organisiere Wochenendeinladungen für Familie und Bekannte, schmeisse die tollste Geburtstagsparty für meine Kleinen (und ganz nebenbei führe ich noch einen perfekten Haushalt).  Irgendwie nicht mein Interessengebiet (weil ich es nicht gebacken kriege!). Könnte aber durchaus eine logische Erklärung dafür sein, warum ich meine Batterien einfach nicht wieder geladen kriege. Dummerweise begleiten mich solche Gesprächssituationen bei jeder Gelegenheit. Beim Anstehen an der Kasse (Mutter von Lucy aus der Waldspielgruppe), beim tanken (Helena vom Geburtsvorbereitungskurs, Auto nebenan), beim Bringen/Abholen der Kinder von wo auch immer (geballte Ladung von Mütterpräsenz). Diese kleine Ablenkungen vom Alltagswirr, wie man meinen sollte, kosten mich echt eine ganze Menge Energie und Anstrengung. Und irgendwie schaffen solche Zufallstreffen es immer wieder, dass ich mich leicht deprimiert fühle anstelle aufgeheitert und abgelenkt. Ich meine, haben Sie schon mal versucht ein unkompliziertes Gespräch mit solchen Müttern zu führen, jenseits von Familien- und Kinderthemen? Na dann viel Glück! Oder aber Sie bleiben der Sparte ‚Familie & Kind’ treu, wobei hier jedes ihrer Worte bedacht sein sollte und mit diplomatischem Nachdruck geäussert zu sein hat. Ansonsten Sie entweder soeben im Begriff sind die Mutter und ihr Kind zu beleidigen oder aber Sie haben einen neuen Gesprächsstoff für die nächste Mütterrunde auf dem Silbertablett geliefert (die selbstverständlich ohne Sie stattfinden wird!).

Also wirklich, aus solchem ‚Socializing’ gewinne ich einfach keinen neuen Elan. Und
wenn man ehrlich gemeinte Fragen (nicht irgendwem daher gelaufenen sondern schon näher geglaubten Bekannten) stellt wie, ‚wie geht es dir?` und dann Antworten kommen wie: ‚super, alles perfekt!’. Also ehrlich, ich glaub ich bin ein Marsmensch.

So nun, was machen gegen diese Akuschwäche? Versuchen sich mit zusätzlichen Vitaminen zu bereichern, neben Treppensteigen, Kinderheben und Raumpflege, Sport zu treiben? Ich hab’s mal probiert mit ‚ohne Kopfkissen’ zu schlafen. Und siehe da, meine Verspannungen und Kopfschmerzen reduzieren sich auf den monatlich wiederkehrenden Zyklus. Gegen die immer noch anhaltende Müdigkeit und Mattigkeit, ich weiss nicht, vielleicht verschieb ich’s einfach auf den Sommer (mehr Sonnenlicht = mehr Energie). Gleichzeitig versuch ich meine kleinen ‚Inseln’ zu schaffen (diese Zeilen sind ein Anfang).  Ich sollte wohl ein Unwetterwarnsystem nicht vergessen,  damit diese Inseln Beständigkeit haben. Ach ja, hab noch vergessen zu erwähnen, meine Blutwerte sind alle tiptop. Also nichts mit einfacher Handhabung von ergänzenden Präparaten & Vitaminen. Werde wohl nicht darum herum kommen, tiefer bei mir selbst graben zu müssen und nachforschen, wo meine Energie versickert. Vielleicht muss ich all meine bisherigen Werte & Vorstellungen über Bord werfen und meine Ansprüche an mich selbst überdenken (synchron auch alle externen Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen ignorieren). Was nicht ganz einfach ist, aber ich denke, langfristig wohl der einzig richtige Weg.

Also Folgendes kann nun zusammengefasst werden:

das Problem ist erfasst, das Ziel gesteckt und der Weg in Bearbeitung. Mal schauen, wie wir das am Besten bewerkstelligen. Zuerst mal einen Kaffee machen (die dritte Tasse), bequem auf das Sofa hängen (gleichzeitig den Kletterpark spielen) und über die eben gefassten Gedanken sinnieren.

text by Nora Dora aus der Reihe: ‚Trau keinem über Dreissig‘
photo by Chelsea Francis

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31 Gedanken zu “Die perfekte Mutter

  1. …ja die perfekten Mütter…mit den perfekten Kindern …und den perfekten Muffin (hier bitte auswechseln, wie es beliebt) -Rezepten…wie schön, dass das der Vergangenheit angehört (und erst recht die Bastelnachmittage in der Kita bäääähhh, wie furchtbar) … da hilft nur eins gegen den Energieverlust: bei den sich bietenden Gelegenheiten (Kindergeburtstage, Elternabendnachbereitung, Eltern-Stammtische…) …stell Dich mit nem Bier zu den Kerlen (oder bring denen am besten eins mit) und hör Dir die andere Seite der Geschichte an 😉 …ansonsten genieß Dein Kleinkind …und such Dir ne Vision (Ziel mit Sinn), für die Du jeden Morgen gerne aufstehst ❤

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    1. Ich hatte zu der Zeit gerade die Bücherreihe ‚Mütter Mafia‘ von Kerstin Gier entdeckt und gelesen. Die hatten mich in meinen Gefühlen damals bestätigt und schlussendlich zum Schreiben bewegt. Die Zeilen entstanden lange bevor ich mich überhaupt ins Netz, Bloggerwelt, gewagt hatte. Quasi die Geburtsstunde meines heutigen Bloggerdaseins und Schreiberling! 🙂

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  2. Diese Stimmungen, Fragen, Irritationen kenne ich auch, sie sind aber schon recht nebulös und weit in der Vergangenheit und heute frage ich mich manchmal, wie ich alles so gut hinbekommen habe mit 2 Kleinkindern – als späte Mutter damals – Kind 1 mit knapp 36 und das 2. mit 38. Ich habe mir damals ganz schnell Aufgaben gesucht im ehrenamtlichen Bereich, habe mit Chor singen begonnen, um meine Freizeit anders zu „füllen“ als mit Gesprächen über Kinder, kochen und backen, weil das hatte ich ja den lieben langen Tag. Energie habe ich viel gezogen aus meinen Ehrenämtern. Ich kann das nur empfehlen!

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      1. Stimmt haargenau! Ich war eine Ausnahme damals – eine alte Mutter – denn alle waren ca. 10 Jahre jünger als ich. Dafür hatte ich schon viel erlebt, war beruflich erfolgreich, hatte mir Träume erfüllt und deshalb manchmal nicht gerade viel Gesprächsstoff mit den ganz jungen Müttern. Aber es gibt andere Aufgabengebiete, die wirklich erfüllend sind – neben dem Familienmanagement. Bastelnachmittage und Kaffeekränzchen mit anderen Müttern standen bei mir nicht auf der Wunschliste, allerdings ganz bin ich nicht darum herum gekommen. In diesem Sinne, LG Sigrid

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  3. Einfach spitzen klasse, wie Du die Gedanken, die wohl uns alle mehr oder weniger beschäftigt haben, in Worte gefasst hast! Ich habe nach kurzer Lernphase mein Leben umgestellt! Anstatt mein Leben nach den Kindern zu richten, haben wir beide Kompromisse gemacht und mein Leben war in Ordnung! Andere Mütter haben mich nie verstanden und mir Himmel und Hölle vorausgesagt, weil mich die Vorhersagbarkeit des Lebens gelangweilt hat! Nix dergleichen ist passiert, eher das Gegenteil! Ich liebe Deinen feinen Humor 😉

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  4. Ich kennen deine Gedanken und weiß genau was du meinst :-). Ich bin meist auch die abgehetzte, schrecklich übermüdete Mutti, die auf den letzten Drücker im Kiga ankommt und von den perfekten Müttern empfangen wird. Natürlich alle frisch gestylt, geschminkt und bestens gelaunt. So viel gute Laune und aufgesetzte Höflichkeit kann ich am Morgen nur schwer ertragen und fühle mich danach auch immer wie der letzte Mensch!

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  5. Das tut richtig gut zu lesen, dass es noch mindetens eine andere Mutter gibt, der es genauso geht, wie mir 🙂 Die kleinen Inseln zum Energietanken muss ich mir auch immer wieder erkämpfen – und auch oft mal überdenken, ob es nicht anders geht. Manche Inseln kommen neu dazu, wie z.B. das Stricken, auf andere kann ich nicht verzichten. Deswegen musste wieder ein Hund her – allein mit dem Hund spazieren gehen ist oft eine wirkliche Wohltat 😉

    Ich wünsche dir viel Erfolgt beim Schaffen deiner Wege für mehr Energie (ohne Kaffee ;))

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  6. Diese Haargeschichte… ich musste eben so lachen! Herrlich dein Schreibstil! Ach wie schön, dass es Anderen auch so geht wie mir!
    Früher bin ich ungeschmikt nicht mal zur Mülltonne…. heute gehe ich nichtmals geschminkt einkaufen. Aber Midlifekrise? Nie und nimmer… nö, mit 35 doch noch nicht… 😉

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