Ich hab’s getan!

Kinder und Geburtstage, ein heikel Thema. Die Absichten, mit Vernunft und Bedacht jeglichem Gruppenzwang und Konkurrenzkampf zu trotzen, schwinden dahin. Wie der Schnee in der Sonne. Ehe man sich versieht, befindet man sich im Sog des Strudels. Nick kommt freudestrahlend vom Kindergarten nach Hause. Ein kleines selbstgebasteltes Präsent in der Hand. Von Liam, seinem Kindergartenkollegen. Liam hat heute Geburtstag. Es gab Kuchen. Nick verkündet mir, dass Liam ihn zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen hätte. Er streckt mir das Mitbringsel, das einer Einladung anmutet, unter die Nase. Nicks Name wurde fein säuberlich geschrieben. Unterzeichnet von Liam. Ich drehe und wende das Ding. In der Hoffnung mehr Informationen bezüglich des Festes in Erfahrung zu bringen. Nichts. Ich ordne die Begebenheit unter einer kindesüblichen, schnell dahin gesagten Einladung ein. Wahrscheinlich hat jedes Kind ein solches Geschenk erhalten. Gemeinsam beim Kuchenessen in der Znüni-Pause. Einen Tag später. Zufällig entdecke ich weiter vorne in unserer Straße, die bunt ausgehängten Ballone. Wegweiser zu Liams Party. Na vielleicht war Nick doch eingeladen? Ich greife zum Telefonhörer. Will mich versichern, dass Nick nicht doch vermisst wird. Schon habe ich mich und meinen Sohn selbst eingeladen! Hätte ich mir ja denken können. Niemand, der halbwegs bei Verstand scheint, wird mir wohl zugestehen, dass Nick eigentlich nicht vorgesehen war. Ich Naivling! Eine weitere Lektion in der Benimm- Dich- Regel gelernt.
Nachdem ich den Fauxpas verarbeitet hatte, stieg die Panik in mir auf. Was bringen wir mit? Es ist Zwei Uhr am Nachmittag. Die Party steigt um 15:00 Uhr. Welches Geschenk bringt man einem unbekannten 6 Jährigen mit? Schnell, wo ist der nächste Geschenkladen? Ein wenig ratlos stehe ich in der Küche. Den Duft der frisch gebackenen Muffins in der Nase. Mein Gedanken rotieren. Wie war das nochmals mit all den Geschenken? Darf man heutzutage noch auf einer Party erscheinen ohne, meiner Ansicht nach, recht beachtlichen Geschenken. Die Rede ist von coolen Legos wie Ninja, Spiderman und Konsorten. Mit einem Spielzeugauto, Malheft oder einem simplen Memoryspiel aufzutauchen, ist da schon recht uncool und langweilig! Wisst ihr was. Es scheint mir im Moment total egal zu sein. Es widerstrebt mir, einen Kopfstand zu machen, für eine der simpelsten Sache der Welt. Eine Geburtstagsfeier. Geschenke wird es sowieso genug geben. Warum nicht einfach die Muffins in tolle Geburtstagstörtchen verwandeln? Eine Kartonschachtel in farbiges Papier hüllen und so ein farbenprächtiges selbstgemachtes Geschenk für Liam entstehen lassen. Mit viel Zuckerguss und Smarties, kleinen Tortenkerzen, bunten Fähnchen und Bändchen geschmückt. Ob Nick damit ins Abseits geraten wird? Es gibt kein Zurück. Wir machen das. Es macht Freude. Ich begleite Nick, der voller Vorfreude auf die Party zusteuert. Mich plagen Gewissensbisse. Werde ich als verräterische Mutter in die Geschichte eingehen? Mein Kind wissentlich auflaufen lassend. Ein Gabentisch mit reich bestückten Präsenten begrüßt uns. Nick stellt freudig sein Geschenk dahin. Farbenmäßig kann es mithalten. Größenmäßig auch. Aber inhaltlich? Leicht nervös erwarte ich den Moment, wo die Geschenke unter aller Augen geöffnet werden. Die Kommentare zeitgleich folgend. Und siehe da. Die ›handelsüblichen‹ Geschenke werden schleunigst vom Geschenkpapier befreit. Kurz gedreht und beiseite gelegt (geschmissen). Nick ist an der Reihe. Die Augen leuchten. Die Kinder sind gespannt. Die zahlreichen farbigen Verziehrungen lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Die bunten Bänder und Fähnlein werden unter gemeinsamer Mithilfe entfernt. Nun kommt das durchsichtige Zellophanpapier. Die zuckersüßen verführerischen Muffins entfalten ihre Kräfte. Die Sinne werden gefesselt und verzückt. Nicht nur diejenigen der Kinder. Mir fällt das gesamte Gotthardmassiv vom Herzen. Ich nehme noch einen Schluck vom Prosecco für die Großen. Ich hab’s tatsächlich getan! Den scheinbar unüberwindbaren Bann gebrochen.
Voller Stolz verkünd ich nun, ich werd’s wieder tun!

photo by Ryan McGuire

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33 Gedanken zu “Ich hab’s getan!

  1. ich warte nur noch darauf, dass es demnächst ähnlich wie bei Hochzeiten Geschenklisten für Kindergeburtstage gibt!!!! Genauso liebe Grüße auch von mir, ohne Rosen, aber vom Herzen. Dieser Text ist unsterblich.LG Ann (ans Gotthardmassiv denkend)

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  2. Wenn ich deine Geschichte lese bin ich ausnahmsweise einmal richtig froh, dass meine Kinder über das „Kindergeburtstagsfeiernalter“ raus sind 😉 und ich im Oma-Alter, wobei ich noch keine bin. Das passende und willkommene Geschenk für Enkel zu finden führt ebenso zu „Panikattacken“ und „Kopfzerbrechen“ – habe ich mir von anderen Großeltern sagen lassen. Schade eigentlich 😦

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  3. Puh, dieser KG-Stress ist ja noch heftiger geworden, als zu der Zeit meiner Kinder (jetzt 26, 23J).
    Toll, dass du neue Wege gehst! Abspecken mit Selbstgemachtem (auch wenn´s gehaltvoll ist).
    In jeder solchen Situation (die Weihnachtsglocken läuten ja auch bald wieder) können wir anfangen, vom immer schneller fahrenden Zug abzuspringen und diesen Wahnsinn nicht mehr zu bedienen. Mut zur eigenen Wahrheit und Einfachheit!
    Danke!
    Herzliche Grüße
    Heidrun

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    1. Schön, dass man nicht alleine da steht. Du sprichst mir aus dem Herzen. Rundrum scheint genau dies, Mut zur Einfachheit (was ja nicht weniger spannend ist), abhanden. Ich fange erst gar nicht an von all den Themenparties die für Kinder schon ab 3-4 Jahren abgehalten werden. Muss ja dann jedes Jahr noch getoppt werden! Herzlichen Gruss, Nora

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  4. liebe nora, mir geht es genau wie dir. dieser kindergeburtstagsgeschenkekram geht mir auf die nerven. wir verschenken fast nur kleine bücher mit selbstgebastelten lesezeichen, eingepackt in selbstgestaltetes geschenkpapier. das macht spaß und steigert die vorfreude.
    ich finds toll, dass du ein zeichen gesetzt hast mit den muffins ☺
    liebe grüße, kimi

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