Die alte Stadt

Es war einmal eine alte Stadt, die lag an einem Strom. Basel hiess die Stadt, Rhein hiess der Strom. Die Leute in der Stadt blickten immerzu ernsthaft in die Welt; sie sahen aus, als wären sie so alt wie die Stadt und der Strom.
Doch eines Tages änderte sich das. In Hinterhäusern und Kellern regte sich etwas, besonders an den Abenden. Es rumpelte und dröhnte und quietschte. Die ernsthaften Leute auf der Strasse machten beim Hören plötzlich lustige Gesichter.
Was ging hinter den Mauern vor? Allerhand, allerhand. Da übte man zum Beispiel Märsche, auf grossen schwarz und weissen Trommeln und auf Piccolos – das sind kurze, schwarze Querflöten. Andere Leute zimmerten und klebten riesige Laternen, die wurden von aussen und innen bemalt, damit die Farben schön leuchteten. An anderen Orten formte man komische Larven und nähte Kostüme: Bajasse, oder alte Tanten, Waggisse – das waren Leute aus dem Nachbarland Elsass – oder Harlekine. Und wozu das alles?
Doch für den Morgestraich! Und was das ist, sollt ihr noch sehen.

Jetzt müsst ihr schnellstens unseren BITZGI kennen lernen. Bitzgi gehörte zur „Jungen Garde“. Das war eine Kindertrommlergesellschaft, eine Clique, die übte in einem Keller. Es dröhnte – rädäbäng – rädäbäng!
Der Trommelmeister sagte streng:“ immer genau im Takt! Wenn ihr alle miteinander die Trommel schlagt, soll es tönen, als schlüge nur ein einziger. Aber halt einmal! Was ist denn mit dir los, Bitzgi? Du machst ja gar nicht richtig mit!“
„Ich mag nicht“, maulte Bitzgi. „Er ist zu faul“, sagte Strizzi. Strizzi und die anderen von der Clique, Nicki, Ferdi, Rudi, Rolli, die übten die alten Märsche, bis ihnen die Arme fast abfielen. Und Dildeli blies dazu fleissig auf dem Piccolo. Bitzgi aber, der Faulpelz, tat nur so als ob. Mitmachen am Morgestraich, das wollte er wohl – aber üben wollte er nicht. Üben, üben, das wollte Bitzgi nicht!
In der Schule träumten die Schüler vom Trommeln und von den lustigen Larven und Kostümen. Einmal fragte der Lehrer: „Wie viel ist sieben mal fünf minus acht mal zehn plus fünfundsechzig geteilt durch zwölf?“
Da antworte einer: „Rädäbäng“, ein anderer antwortete: „Harlekin“ und ein Dritter: „Salü Waggis“
Weil sie eben nur Trommeln und Larven und Kostüme im Kopf hatten.

Nach der Schule rannten sie nach Hause und übten auf den Küchenhockern die Trommelmärsche für die Probe am Abend.
Nur Bitzgi war zu faul dazu. Üben, üben mochte Bitzgi nicht.

An einem freien Nachmittag durfte Bitzgi dem grossen Strizzi beim Laternenmalen zuschauen. Strizzi stand auf der Leiter und malte ein tolles Bild von der Stadt, und er malte noch einen Harlekin und ein paar der komischen Einwohner – und dann malte er noch lustige Verse dazu – so kreuz und quer.
„Au, wird das fein, wenn alles fertig ist!“ rief Bitzgi und er dachte ans Trommeln. Er dachte daran und freute sich. Aber üben, üben mochte Bitzgi nicht.
Auf dem Heimweg klopfte Bitzgi noch beim Trommelmeister an. Der sagte: „Recht, dass du kommst, ich habe nämlich mit dir zu reden! Bitzgi, du bist ja ein lustiger Kerl, aber du bist faul und mit Faulheit bringst du es zu nichts. Doch schau, hier bekommst du eine Trommel des berühmten Trommlers Bobbi Bummbumm, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Übe fleissig darauf! Lernst du bis zum Morgestraich alle alten Märsche, dann darfst du die Trommel behalten.“
„Au ja!“ rief Bitzgi und trug die Trommel nach Hause. Er war furchtbar stolz. Aber üben, üben mochte Bitzgi nicht.

Am Abend stellte er die Trommel auf einem Stuhl neben das Bett. Er schaute sie an bis ihm die Augen zufielen.
Mitten in der Nacht, was geschah da? Es kam Leben in die Trommel, sie fing an zu tanzen und die Schlegel rührten sich und schlugen einen Wirbel. Was für ein toller Wirbel war das! Bitzgi setzte sich hoch und hörte begeistert zu. Rädäbäng, rädäbäng!
Da bummerte es heftig gegen die Decke des unteren Stocks, wo Frau Rasselnudel wohnte. Oh, Frau Rasselnudel klopfte mit dem Besen! Noch einen blitzschnellen Wirbel liess die Trommel hören, dann stand sie wieder ruhig auf dem Stuhl, und brav lagen die Schlegel obenauf.
„Hört einmal, was mir in der Nacht passiert ist!“ rief Bitzgi am nächsten Abend, als er in den Cliquenkeller kam.
Sie waren schon alle am Larven malen. Strizzi, der grösste von ihnen, bemalte eben den gewaltigen Kopf des Tambourmajors, und Dildeli malte einer Larve eine feuerrote Nase.
„Los, erzähl!“ riefen alle. Und als Bitzgi die Sache mit der tanzenden Trommel berichtet hatte, beschlossen die anderen: „Das wollen wir uns ansehen! Nach der Arbeit schleichen wir zu dir nach Hause!“

als es Zeit war, gingen sie mit Bitzgi nach Hause. Sie beschauten sich die Trommel des berühmten Trommlers Bobbi Bummbumm und sagten: „Eine feine Trommel und ausgerechnet du hast sie bekommen! Hast du schon darauf geübt?“
Aber wir wissen es ja: Üben, üben wollte Bitzgi nicht! Strizzi, Nicki, Rolli, Rudi und Dildeli waren sich Blicke zu. Was für ein Faulpelz! Dieser Bitzgi! Dass er sich nicht schämte!
Sie setzten sich dann hin, wo es gerade kam, löschten das Licht und warteten. Halt, worher banden sie noch ein Seil um die Trommel und hielten es in den Händen, damit sie gleich spüren sollten, wenn sie sich bewegte.
Spät in der Nacht, sie waren schon ganz schläfrig, rührte sich die Trommel. Ein Wirbel ertönte, jetzt straffte sich das Seil, welches Dildeli und die Buben festhielten. Es straffte sich und dann schwebte die Trommel durch das offene Fenster ins Freie und zog die ganze Gesellschaft hinter sich her. Mit Tommelgewirbel flogen sie unter dem Nachthimmel davon.

Mitten in der Stadt, nahe beim Fluss war ein Park. Die Trommel steuerte auf einen Baum zu und liess sich auf einem Ast nieder. Da hing mit einem Mal der ganze Baum voller Trommeln. Sie erfüllten die Luft mit unerhörtem Dröhnen. Davon erwachten die Leute. Ein Fenster ums andere wurde hell und Frauen und Männer rannten in Nachtgewändern heraus…
Aber kaum waren die Leute im Freien, so hatten sie wirbelnde Trommeln umgehängt, sie wussten gar nicht, wie ihnen geschah.

Daadidaadi – die Polizei kam angerast. Das Auto hielt, Polizisten sprangen heraus und donnerten: „Was ist da los? Seid ihr alle übergeschnappt? Was machen die Trommeln dort auf dem Baum, und was habt ihr im Nachthemd auf der Strasse zu suchen, he?“ Ha, da hatten auch die Polizisten Trommeln umhängen, und vom Lärm, den diese machten, verging ihnen Hören und Sehen.

Unten am Rhein, dicht beim Wasser, hatten in dieser Nacht ein paar Tiere ein Stelldichein. Hunde, Katzen, Teddybären, Mäuse, Eulen und Igel. Ein Rabe sass auf dem Dach der Fähre, die bei Tag Leute über den Fluss fuhr.
„Quää, quää, was ist das für ein Lärm oben in der Stadt? Wir müssen nachsehen, kommt!“ rief er und flog voraus. Die anderen hintendrein, das Rheinbord hinauf. Aber kaum waren sie oben, hatten auch sie Trommeln umhängen.
Dildeli und die Buben, die Nachthemdleute, die Polizei, alle schwebten empor über die Dächer der Altstadt. Hinter der Zaubertrommel schwebten sie einher, und die Luft war voll Gewirbel und Gedröhn.

Bitzgi?
Er hatte als einziger keine Trommel. Allein stand er auf der Erde, während die anderen davonflogen. Er gehörte nicht mehr zu ihnen, er war ausgestossen. Sehnsüchtig sah er der Zaubertrommel nach, die den schwebenden Zug anführte, und ihm war, als wirble sie ihm zu: „Bitzgi hat nicht geübt, rädäbäng, Bitzgi ist ein Fauler!“
Immer elender ward ihm zumute und traurig sagte er: “ Da stehe ich nun. Die Zaubertrommel von Bobbi Bummbumm ist auf und davon. Ach ich weiss ja schon warum!“ Tränen liefen ihm über die Wangen. Er bereute tief, dass er so faul gewesen ist.
Mit einem mal erstarrte Bitzgi vor Grausen. Unheimliche Gestalten umringten ihn: Ein höhnischer Waggis, eine giftige Alte Tante, ein Pierrot auf einer Ziegenkuh. Alle lachten ihn aus. „Faule Buben bleiben in den Stuben!“ zischten sie ihm zu. Eiskalt vor Angst rannte Bitzgi davon – da ging der Wecker! Bitzgi schlug die Augen auf. Oh, er lag im Bett, auf dem Stuhl stand die Trommel, und brav lagen die Schlegel obenauf.
Bitzgi setzte sich hoch. Ein Traum, es war nur ein Traum gewesen!
Nur ein Traum?
Aber warum war denn der Wecker gegangen, wo es doch erst halb vier war?
Oh, um vier war ja Morgestraich! Um vier Uhr sollte die Junge Garde trommelnd hinter der erleuchteten Laterne und dem Tambourmajor durch die Stadt ziehen!
Mit einem Satz fuhr Bitzgi aus den Federn. Er sollte ja schon im Cliquenkeller sein!
Ihm wurde heiss bei dem Gedanken, dass er ja doch nicht recht geübt hatte.

Vielleicht erging es ihm jetzt wie im Traum? Zogen die anderen los und liessen ihn allein zurück?

„Lieber, berühmter Bobbi Bummbumm“ bat er bei sich “ hab doch Mitleid mit mir! Hilf mir! Es tut mir leid, ich will von jetzt an immer fleissig üben! Bitte, bitte hilf mir!“ Da rührten sich sachte die Schlegel, und die Trommel begann gedämpft zu dröhnen. Da begriff Bitzgi, dass Bobbi Bummbumm ihm helfen wollte.
So schnell er konnte, rannte er zum Cliquenkeller. Natürlich waren schon alle da: Strizzi, Ferdi, Dildeli mit dem Piccolo, alle, alle. Schnell zog Bitzgi das Kostüm über, auch die Perücke, auch die Larve.
„Kannst du deine Sache?“ fragte Strizzi misstrauisch.
Bitzgi sagte: „Wartet nur ab, ihr werdet schon sehen!“
Dann war es soweit:
Die Junge Garde stellte sich im Freien auf wie die anderen Cliquen, gerade neben einem Tambourmajor mit einer riesengrossen Perücke. Und jetzt, jetzt……

Viel Glockenschläge erschollen von der Martinskirche. In diesem Augenblick erloschen alle Lichter der Stadt, die in den Häusern und die in den Strassen.
„Morgestraich, vorwärts, marsch!“ befahl der Tambourmajor. Da trommelten sie den Signalmarsch, den „Morgestraich“. Dildeli pfiff ihn auf dem Piccolo mit. Stehend pfiffen und trommelten sie ihn, und als sie fertig waren, fingen sie von vorne an, und jetzt marschierten sie hinter der erleuchteten Laterne durch die dunklen Strassen. Von überall her, aus allen Ecken und Gassen kamen andere Trommler- und Pfeifercliquen hinter riesigen Laternen und sie zogen kreuz und quer durch die Stadt, und die Stadt dröhnte wie sonst nie.
Es war wunderbar. Seht, das war der Morgestraich!

Als sie müde waren von dem Gässeln in den Gassen und Strassen, kam das Mehlsuppenessen, das gehörte auch zum Morgestraich. Sie setzten sich in einem Gasthaus zu Tisch, da bekam jeder einen Teller voll Mehlsuppe mit Käse und dazu ein Stück Käse- oder Zwiebelwähe. Mitten im Schmausen rief der Trommelmeister: “ Bitzgi, du hast famos getrommelt, bravo! Jetzt darfst Du die Trommel behalten!“
Und eine alte Tante kam mit einem grossen Mimosenstrauss, den gab sie Bitzgi zur Belohnung. Bitzgis Augen leuchteten. Dankbar dachte er an den berühmten Trommler Bobbi Bummbumm, der ihm geholfen hatte, und er gelobte still, er wolle nie mehr zu faul sein zum Üben.
Da rührte sich ganz verstohlen die Trommel des Bobbi Bummbumm, und ein leiser Wirbel ertönte. Nur Bitzgi hörte ihn und es wurde ihm dabei ganz merkwürdig ums Herz.

Der Morgestraich um vier Uhr früh war der Anfang der Fasnacht. Drei Tage lang wurde in der alten Stadt am alten Strom in einem fort getrommelt und gepfiffen. Die Leute liefen in Kostümen herum und machten Kapriolen. Sie bliesen auch scheussliche Töne aus verbogenen, alten Instrumenten. Ganz verzaubert waren die Bewohner der alten Stadt, am meisten unser Bitzgi. Immer hatte er die Trommel des berühmten Bobbi Bummbumm umhängen, und am Ende konnte er alle Trommelmärsche aus dem Effeff.

Als die Fasnacht vorbei war, verschwanden die Laternen und die Kostüme, die Larven und die Trommeln. Die Leute wurden wieder ernsthaft und sahen wieder so verschlafen aus wie die Stadt und der Strom, und so blieb es, bis übers Jahr, bis es wieder Zeit wurde für die Vorbereitungen zum Morgestraich.

Rädäbäng! Rädäbäng!

Auch das ist Fasnacht.
Eine Fasnachtsgeschichte, Vortrag der Klasse 5a
Advertisements

29 Gedanken zu “Die alte Stadt

  1. also Märchen kannst Du auch wunderbar schreiben, liebste Nora………………..traumhaft schön….ich habe so etwas einmal miterlebt, für Nichtschweizer, die träumend im Bett liegen, ist das schon ein erschreckendes nachhaltig wirkendes Erlebnis……..PS: Irgendwie war Bitzgi mir sehr sympathisch!!!! und was mich fasziniert, die letzte Story war krimimässig spannend und diese hier märchenhaft perfekt getroffen schön!

    Gefällt 3 Personen

    1. Leider gehen diese Zeilen nicht auf mein Konto. Aber auch mich hat diese Geschichte gepackt. Vorallem weil ich zuerst mit eigenen Worten diese 5.Jahreszeit von einer anderen faszinierenden Seite aus präsentieren wollte. Bin dan auf diese Zeilen gestossen und war überzeugt, da bedarf es keiner weiteren Worte. Es umschreibt genau die Stimmung, das Kribbeln und alle Anstrengungen auf diese Zeit. Und ich habe 12 Jahre aktiven ‚Dienst‘ als Tambour hinter mir. Deine mir zutiefst schmeichelnden Worte gebe ich aber trotzdem nicht wieder her ;-). Lieben Dank dafür. Ich bin dir noch eine Geschichte schuldig! Hug

      Gefällt 3 Personen

      1. macht doch nix…..hätte aber zu DIr gepasst…………….Du hast schon so viele wunderbare Geschichten geschrieben…….Du bist mir überhaupt nix schuldig! Ich geh jetzt mit den Gedanken daran schlafen….Dir auch wunderbare Träume…Godnat , søde

        Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s