Tasmanien

Leise prasseln die Regentropfen gegen die Scheiben, um kurz darauf  mit einem dumpfen ‚Platsch‘ auf dem Fenstersims zu landen. Sie hinterlassen Spuren, diese Tropfen, wie sie langsam, fast mühsam und zum Teil kurzfristig abgelenkt, ihren Weg nach unten bahnen, bis sie sich schliesslich vereinen. An einem gemeinsamen Ort. Sich verbünden. Mein Blick richtet sich auf die hintere, rechte Ecke im Kinderzimmer. Da steht sie. Einst unachtsam beiseite gestellt wurde und dennoch in diesem Augenblick sie sich so ausdrucksstark in Szene zu setzen weiss. Das kleine schon ein wenig mitgenommene Stofftierchen, ansonsten lustig von dieser Tasche baumelnd, nun schief auf dem Boden liegt. Es mich anstarrt. Sie hinterlassen Spuren, die Tränen, wie sie langsam, fast mühsam, ihren Weg bahnen, bis sie sich schliesslich vereinen. Eine salzige Spur hinterlassen.

Ich bücke mich zur Kindergartentasche nieder, mit Liebe genäht, nun nur noch ein Schatten seiner selbst, durch die Ereignisse, ergreife sie und lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Erinnerungen kommen auf. Diese einst so unscheinbaren Momente. Wie er als Zweijähriger den Nasenhaartrimmer seines Vaters in seine niedlichen Kinderhände bekam und diesen interessiert inspizierte. Mit dieser frühkindlichen Neugier. Ich packe diesen in die Tasche. Die Duftkerze, die er so liebte. Jede Nacht zum Einschlafen. In die Tasche. Diese Lego-Türe. Verärgert darüber, dass die Türe aus der Halterung nicht wieder selbst eingehängt werden konnte. Voller Emotionen einst in die linke Ecke des Kinderzimmers geschmissen. In die Tasche. Den H&M Katalog. Unachtsam von mir liegengelassen. Ich darauf folgend eine Fotocollage zum Thema Frühlingsmode 2015 erhielt. In die Tasche. Sie haben ihren Weg nach unten gefunden. Schwer auf meinem Pullover fallen. Dicke Flecken hinterlassen. Ich schließe meine Augen, um mich hinzugeben, diesen unbeschreiblichen Gefühlen, die mich überfallen. Mitreissen und überwältigen. Bis ich wieder ausgespuckt werde von dieser Woge und mein Blick auf den schwarzen Zylinder fällt, der unter dem Schreibtisch liegt. Zu seinem ersten Karneval ihn dieser schmückte. Mit einem Jahr tapfer durch die Menge stapfend. Von nichts und niemanden sich aufhalten liess. Schliesslich das Laufen soeben erlernte, ihn die Welt mit offenen Armen empfing. Ab in die Tasche. Den Volleyball-Schläger. Als das Weihnachtsgeschenk, nach mühseligen Versuchen endlich  von lästigen Geschenkpapier befreit, in seinen Händen lag. Dieser Ausdruck von Freude. Der langersehnte Wunsch sich vor ihm offenbarte. In die Tasche.

So unbekannt wie Tasmanien ist mir diese Situation. Keine Ahnung wohin die Reise mich noch bringt. In der Hoffnung meinen Weg zu finden, packe ich eine Landkarte von Tasmanien mit ein. Verloren, wie ich momentan bin, ein hilfloser Versuch, Sicherheit zu erlangen. Traurig schaut er mich an. Dieser Fisch, namens Leo. Ein Stör. Man stelle sich das vor. Ein Stofftier, das jeden Abend gemeinsam mit ihm im Bett zu liegen hatte. Gespräche geführt wurden. Nun stumm und verlassen er mich mit seinen Knopfaugen anstarrt. Auch er gehört in die Tasche.

Ich sacke in mich zusammen. Rückwärts auf den Boden. Eine harte Kante mich kurzzeitig zurückholt, in die Gegenwart. Ich greife unter meine linke Gesässbacke und krame ein Kästchen hervor. Sein Geheimkästchen. Ich traue mich nicht es zu öffnen. Betrachte es ehrfürchtig und versuche mir auszumalen, was wohl alles darin versteckt sein könnte. Anstelle es zu erfahren, packe ich in Gedanken meinen grössten Wusch mit hinein. Für ihn.

Wenn ich eines Tages die grosse Reise anzutreten habe, werde ich voller Hoffnung und Zuversicht sein. Keine Angst haben. Denn ich habe meine Landkarte dabei. Sie wird mir den Weg weisen. Zum grossen Unbekannten. Tasmanien. Wir wieder vereint sein werden. Wie diese Tropfen. Zu einem grossen Ganzen. Mit Zuversicht ich diesem Moment entgegen schauen kann. Ohne Furcht.  Ich bereit sein werde. Meine Tasche gepackt. Diese sorgsam aufbewahren werde für den grossen Tag. Bis dahin versuche ich das Leben weiter zu geniessen, wie er das getan hätte. Mit Gewissheit.

Sollte dies jedoch jemals  wirklich eintreffen, ich mit aller Kraft versuchte, mich dieser Zeilen zu erinnern. Bis dahin, oder bis zum Tag meiner grossen Reise, ich mich bemühe, jeden noch so unscheinbaren Moment bewusst zu geniessen. Auch in gestressten und unzugänglichen Phasen des Lebens. Ich habe etwas in diesem geheimnisvollen Kästchen, für dich. Meinen Wunsch aus tiefstem Herzen. Dass du einst das selbe Glück erfährst wie ich. Diese Liebe, Zuneigung und Geborgenheit.

Bis dahin mein liebes Kind. Schlafe schön. Ich freue mich auf morgen.

 

#sba16_(Mein Beitrag zu Seppo Blog Auszeichnung, Runde 3. Schaut mal da rein.)

 

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50 Gedanken zu “Tasmanien

  1. …beeindruckend…großartig geschrieben!

    Nach Tasmanien ist es übrigens keine große Reise mehr, seitdem es Flugzeuge in allen Größen gibt…

    Eigentlich ist es nirgendwo hin mehr weit,

    Reisen sind im Prinzip keine Reisen mehr, seitdem es Flugzeuge gibt,

    denn reinsetzen und ein wenig schlafen, dösen, lesen, Musik, Filme…erfordert keine Anstrengung mehr
    !
    Reisen sind zur Verlängerung unserer Wohn- und Schlafzimmer geworden, nichts weiter,

    Denn DAS, was das Reisen wirklich ausmacht, nämlich das nur am Boden mögliche Unterwegs-sein, passiert oben über den Wolken nicht…

    Liebe Septembergrüße vom Lu

    Gefällt 3 Personen

      1. Liebste Nora….es ist sehr dunkel im Spam Ordner 😉 Liebsten Dank für das liebe Kompliment, aber wenn jemand so wunderbare Texte schreiben kann, dann ist ihm ein Publikum sicher 😉 Deine Texte haben mir wirklich sehr gefehlt…..warum ich im Spam Ordner gelandet bin, kann ich nur ahnen. Es trifft wohl regelmässig jemanden. Ich schaue bei mir auch viel zu selten nach, ob dort jemand ist! Hugo bäck 😉

        Gefällt 4 Personen

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