Der Schäferhund

Er hiess Rolf und war ein kräftiger Deutscher Schäferhund. Intelligent, wachsam, tapfer, konzentriert und selbstbewusst. Sehr selbstbewusst. Zu selbstbewusst. Er drängte sich stets in den Vordergrund. Das ging so weit, dass aus dem Vordrängen ein Aufdrängen wurde, bis er nicht mehr ablassen konnte und sich schlussendlich verbiss. Eine Befreiung war jeweils nur noch unter Schmerzen und mit aus der Wunde tretenden Fleischfetzen möglich. Das verschmierte Blut liess sich ring beseitigen und die äusserlichen grauenvollen Anzeichen waren schnell zum Verschwinden gebracht. Jedoch blieb nach der primären Wundheilung jeweils eine Narbe übrig, die mit grosser Fürsorge und Aufmerksamkeit wieder gepflegt werden musste.

Wie damals mit dem kleinen Mädchen, das freudestrahlend voller Elan und ohne böse Absichten in der Schule über die Erlebnisse ihrer Sommerferien berichtete. Noch bevor ihre Erläuterungen zu Ende gebracht, die ersten Lacher erschallten. Zeigefinger hieben hervor, wen man soeben auslachen und bloß stellte. Innert Sekunden ihre anfänglich so unbefangene und fröhliche Stimmung begraben wurde. Es war nicht das erste Mal. Entweder war es ihre Brille, die noch kindliche Figur oder einfach ihre offene Art auf Leute zuzugehen, zu berichten, erzählen und zu hinterfragen. Oder eben, Ferienerlebnisse, die als peinlich und langweilig galten, weil man nicht das Flugzeug bestiegen hatte sondern sich im eigenen Land abmühte einen sonderbar klingenden Berg zu erklimmen. Sich an Eichhörnchen, Schmetterlingen und erfrischenden Dorfbrunnen erfreute. Mit 8 Jahren. Ihre Mitmenschen waren nicht bereit. Konnte nicht mit einem solchen Wesen umgehen, das keine Angst hatte vor gesellschaftlichen Fesseln des Denkens und Verhaltensmustern sondern naiv sich an einfachen Dingen erquicken konnte. Nicht den Zwang verspürte ständig sich mit anderen und deren vermeintlichen Erlebnissen messen zu müssen. Sie begnügte sich mit ihren eigenen Momenten, den kleinen Dingen, die ihr täglich über den Weg liefen oder einfach da waren und sie umgaben. Hielt die Augen geöffnet für alltägliche Begegnungen mit der Fähigkeit, sich deren hinzugeben und im Moment verweilen zu können. Zuzusehen wie eine Schnecke mühsam ihren Weg bahnte, die Fühler in ständiger Auf- und Abwärtsbewegung von sich streckte, sich mühsam vorreckte um anschliessend auch noch den verbleibenden Rest mit dem Häuschen hinter herzuziehen. Oder die Faszination an Steinen.  Alle Grössen und Arten, an ihren Muster, Formen und Farben fasziniert hängen zu bleiben. Wie es sich anfühlt einen etwas grösseren Kieselstein im Munde zu drehen und daran zu lutschen wie ein Bonbon. Wie schwach und verletzlich sich dies doch präsentieren musste. Ein Kinderspiel für all die hyänenartigen Zeitgenossen. Bisweilen wehrte sie sich jedoch erfolgreich gegen diese Jäger und Aasfresser und wusste sie von sich zu weisen. Nach einer Attacke stand sie immer wieder auf, erkannte unbeirrt die Schönheit des Lebens und genoss diese auch weiterhin.

Doch diesmal war es anders. Fortan eine Bedrücktheit sie begleiten sollte. Sie lernte von nun an, wie man sich zu verhalten hatte, um nicht unmittelbar in Mittelpunkt zu rücken, wie man sich im Hintergrund aufhielt und kaum mehr Angriffsfläche bot für Missgunst, Beleidigung und Verletzung. Sie sich selbst untreu wurde und sich der gesellschaftlichen Verhaltensweise unterwarf. Das war der Tag, als Rolf in ihr Leben trat. Zum ersten mal zubiss. Nicht mehr von ihr abliess. Die Grübeleien über alles und jeden begannen und nicht mehr aufhörten. In ihrem Kopf. Der Geist fortan nicht mehr zur Ruhe kam. Wie auf Eiern, sie sich durchs Leben bewegte. Kaum etwas gesagt, Blicke und Reaktionen sie wieder aus dem Konzept bringen konnten. Sie stets sich selbst hinterfragte, alles und allen Recht machen wollte. Sie so ungewollt als Sündenbock dankend von ihren Mitmenschen und sich selbst angenommen wurde.

So ist es gekommen, dass sie das Leben von Augenblick zu Augenblick geniessen zu können, verloren hatte. Irgendwo zwischen ihrem 8. & 9. Lebensjahr. Schleichend und unbewusst entwickelten sich von da an kräftezehrende Gedankenmuster. Manifestierten sich. Unter dem Versuch, die Gedanken im Kopf zu verbannen, die Grübeleien erst recht in Fahrt kamen. Heute mit 43 Jahren hatte sie das Gefühl, dass das Leben ihr durch die Finger rann. Mit Verstimmungen sie kraftlos, gestresst und erschöpft durch den Alltag hetzte. Es liess sich einfach keine Oase der Ruhe mehr finden. Sie konnte sich nicht mehr erden. Zum ersten Mal erkannte sie das Problem. Den inneren Zwang. Wie ein Deutscher Schäferhund er hoch konzentriert und wachsam war. Er war intelligent genug auf die nächste Gelegenheit zu warten, um dann unverzüglich zuzupacken.

Nun. Der Tag war gekommen. Es war an der Zeit, Rolf zu bändigen. Rolf, der sie zuweilen zu zerfleischen drohte, an die kurze Leine zu nehmen. Gewohnheitsbrecher zu finden, um die Ruhe und Gelassenheit, schlussendlich sich selbst, wieder zu finden. Rolf, der in Fleisch und Blut übergegangen ist, künftig nur noch bellen zu lassen. Denn. Hunde die bellen, beissen nicht.

Schreibwettbewerb Literaturhaus<

«Geben Sie mir ein Sujet, und im Nu wird eine Komödie von 5 Akten da sein», schrieb Gogol 1835 an Puschkin, um dann flugs den grossartigen «Revisor» zu Papier zu bringen. Wir geben Ihnen kein Sujet, aber einen ersten Satz, der das Schreiben in Gang setzen soll. Dieser erste Satz muss am Anfang Ihres Textes stehen, alles Weitere ist offen

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14 Gedanken zu “Der Schäferhund

      1. Aber sicher, ich“folge“ dir und erfahre so immer,wenn es Neues von dir gibt. Ich selbst bin ja recht „aktiv“, was Beiträge angeht – getreu meinem Motto „aktiv….60plus und jetzt sowieso vor, während und nach unserem Umzug, aber das soll ja nicht heißen, dass alle so viel schreiben sollen. LG, Sigrid

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